Hoffnungsland by Olaf Scholz

Hoffnungsland by Olaf Scholz

Autor:Olaf Scholz [Scholz, Olaf]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783455001143
Herausgeber: Hoffmann und Campe
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


Bildung und Arbeit als Schlüssel für die Integration

Im aktuellen Zuwanderungsdiskurs wird gerne so getan, als handele es sich bei der Migration um ein gänzlich neues Phänomen, dabei lässt sich die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eben durchaus auch als Geschichte der Zuwanderung erzählen. Deutschland hat Erfahrungen mit Zuwanderung, gute wie weniger gute, auf denen wir heute aufbauen können, um bei der Integration der Frauen, Männer und Kinder, die in jüngerer Zeit zu uns gekommen sind, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, sondern ihnen – und uns – einen guten Start in der neuen Heimat zu ermöglichen. Ich bin überzeugt, dass zwei Dinge entscheidend sind dafür, dass sich Migrantinnen und Migranten gut bei uns einfinden. Zum einen Bildung, vor allem das Erlernen der deutschen Sprache. Und zum anderen Arbeit.

Ohne adäquate Sprachkenntnisse ist ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben in Deutschland schwerlich möglich, und deshalb sollten wir alle Anstrengungen unternehmen, den Flüchtlingen sehr früh unsere Sprache beizubringen. Dieser Anspruch trifft im Übrigen auf fruchtbaren Boden, denn die Menschen, die unter großen Entbehrungen nach Deutschland gekommen sind, verfügen über ein bemerkenswertes Maß an Lebensenergie, Motivation und Aufstiegswillen. Sie wollen lernen, sie wollen sich zurechtfinden in unserem Land, sie wollen unsere Kultur kennenlernen und die Grundlagen erarbeiten, auf denen sie sich und ihren Angehörigen hier eine erfolgreiche neue Existenz aufbauen können. Unser Bestreben muss es sein, dieses Engagement und diese Hoffnung auf ein besseres Leben zu nutzen, um ihnen unsere Sprache und unsere Werte zu vermitteln, denn ihre Leidenschaft können wir hier gut brauchen.

Am einfachsten fällt die Sprachförderung in den Kindertagesstätten und Grundschulen, denn jeder weiß, wie vergleichsweise leicht es Kindern gelingt, in eine neue Sprache einzutauchen und sie zu erlernen. Deutlich größer ist die Herausforderung für ihre Eltern. Deshalb ist eine frühe und intensive Sprachförderung wichtig, was vielerorts auch längst erkannt ist. Dennoch sind die bürokratischen Hürden bei den bundesweit angebotenen Integrations- und Sprachkursen oft zu hoch und die Wartezeiten, bis ein Interessent einen Platz in einem solchen Kurs erhält, noch immer zu lang. Eine weitere Schwäche ist, dass sich diese Kurse nur an jene richten, deren Asylverfahren bereits abgeschlossen ist und die als Flüchtlinge anerkannt worden sind oder die über eine »hohe Bleibeperspektive« verfügen – was die bürokratische Umschreibung dafür ist, dass mehr als die Hälfte der Antragsteller aus einem bestimmten Land einen Aufenthaltsstatus erhalten. Verwaltungstechnisch mag das sinnvoll klingen, praktisch sorgt dies aber für unnötige Verzögerungen. So ist etwa die große Gruppe der Afghanen, die seit einiger Zeit verstärkt zu uns kommen, von einer frühen Sprachförderung ausgeschlossen, weil ihre Anerkennungsquote bisher unter der magischen 50-Prozent-Hürde liegt. Es können Jahre vergehen, bis ihr Anerkennungsverfahren – möglicherweise erst nach einer Gerichtsentscheidung – beendet ist. In dieser Zeit befinden sie sich zwar in Deutschland, wohnen in Folgeunterbringungseinrichtungen – und haben doch keine Möglichkeit, unsere nicht unkomplizierte Sprache zu erlernen. Hier verschenken wir wertvolle Zeit. Manche Landesregierungen, darunter auch der Hamburger Senat, finanzieren deshalb selbst Kurse für diejenigen, die von den bundesweiten Angeboten ausgeschlossen sind. Es wäre klug, wenn die Bundesregierung hier generell die Zugangshürden absenken würde.



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